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Ingolf
Christiansen: Santanismus
Satanismus
und Ritueller Mißbrauch Vorwort In der gegenwärtigen "religiösen und weltanschaulichen Randszenerie" stellt der Satanismus sicherlich den schillerndsten und spekulativsten Bereich dar. Es vergeht kaum ein Tag der Woche, an dem nicht der Teufel in Fernseh- oder Rundfunkprogrammen, in irgendeiner Zeitung oder Illustrierten zum medienwirksamen Gegenstand öffentlichen Interesses gemacht wird. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß parallel zur zunehmenden Thematisierung von Satan, Teufel und Luzifer in den Medien auch die Unwissenheit und Verwirrung über die Erscheinungsformen des Satanismus in der Öffentlichkeit zu-, aber gleichzeitig das sachliche Reflektieren über geeignete Präventionsmaßnahmen abnimmt. Hier wird man, hoffentlich nicht vergebens, an die Verantwortung der Medien für eine sachgerechte Berichterstattung, frei von jeglicher Sensationsgier und Effekthascherei, appellieren müssen. Es wäre allerdings blauäugig zu glauben, ein Appell würde alle Probleme der Berichterstattung über Satanismus auflösen. Medien werden immer eine Vielzahl von - auch sachgerechten - Informationen zusammenfassen, komprimieren und publikumswirksam aufbereiten. Die Gefahr besteht, daß in ihrer Berichterstattung nicht nur "Trends" aufgenommen und verarbeitet, sondern in erster Linie es zur "agenda-setting function of the press" kommt, d.h. "Trends" produziert werden (s. Aufsatz von Dr. U. Müller "Zur Konstruktion von Wirklichkeit" in "Jugend & Gesellschaft", 4, 1988). Nicht nur die Medien können eine "Trendsetterfunktion" ausüben. Auch die Experten werden ihren Dienst und ihre Arbeitsweise einer sorgsamen Selbstreflexion und Supervision unterziehen müssen. Naturgemäß kann es nicht die Aufgabe kirchlicher und staatlicher Sektenexperten oder Experten von "Betroffenen"- und "Eltern-Initiativen" sein, bis ins letzte i-Tüpfelchen sozialwissenschaftlich gedeckte Aussagen, wenn es die denn schon im ausreichenden Maße für den Bereich Satanismus geben würde, zu machen. Es geht vielmehr darum, das berechtigte Anliegen nach Schutz und therapeutischer Hilfe für die Involvierten und Aussteiger und die immunisierende Aufklärung für die "Noch-nicht-Betroffenen" vor Augen zu haben. Um diese Aufgabe effizient erfüllen zu können, wird in geeigneter Art und Weise auch die Zusammenarbeit mit den Medien zu suchen sein. In Gesprächen mit und Beratungen von Jugendlichen und Erwachsenen tritt häufig ein anderes Problem zu tage. Oft wird man mit "überhöhten, märchenhaften Erzählungen" konfrontiert, so daß die Klärung und das Herauslösen des tatsächlich Geschehenem von der Phantasie und der oft zu beobachtenden Wahrnehmungsverschiebung der Involvierten oder Sekundär-Betroffenen viel Zeit und Anstrengung in Anspruch nimmt. Auch ist bei einer Anzahl von "Beratungsuchenden" eine psychopathologische Auffälligkeit zu konstatieren. Wieviel an Wahrheit steckt in den oft unglaublichen Berichten von Aussteigernund "Noch-Involvierten" über rituelle Praktiken? Was ist von den Fundenangeblich rituell geschächteter Tiere zu halten? Gibt es Rituellen Mißbrauch oder sogar "Menschenopferungen" in der Bundesrepublik? Welche Auswirkungen hat das Verletzen der "Arkandisziplin"? Wie kann man sich mit einer "Satanssekte" einlassen und in ihr involviert werden? Das sind die häufigsten der unsystematisch gestellten Fragen in vielen meiner Vorträge und Beratungen. Mit diesen Ausführungen soll der Versuch unternommen werden, den Satanismus phänomenologisch (weniger historisch, denn dafür gibt es genügend gute und informative Abhandlungen auf dem Markt - s. Literaturhinweise am Ende) wahrzunehmen und Verstehenshilfen für den eigenen Umgang mit dieser Thematik anzubieten. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Autor als "Weltanschauungsbeauftragter in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers" ein theologisch-apologetisch geprägtes Vorverständnis mitbringt. Die erste Feststellung, die wir für den Bereich Satanismus treffen müssen, ist die, daß es "den Satanismus" gar nicht gibt! Satanismus ist von seiner "Philosophie", Weltanschauung und Ritual-Praxis her beurteilt kein monolithischer Block, denn es gibt nicht nur eine, sondern vielzählige Vorstellungen und Seinsarten. Die unterschiedlichsten Traditionen von alt-ägyptischen Mythologien über Kelten, Wicca-Kulte, Gnostischen Vorstellungen bis hin zu westafrikanischen und haitianischen Voodoo-Praktiken oder Rituale der kubanischen Santeria werden im Satanismus der Neuzeit und Moderne ("Neo"-Satanismus) gemischt und praktiziert. Diese Art von Synkretismus erschwert eine korrekte Definition des Satanismus. Am ehesten gelingt eine Kategorisierung, wenn wir die unterschiedlichen satanistischen Strömungen auf ihre phänomenologischen Seiten hin untersuchen. An dieser Stelle sei der Hinweis angebracht, daß es unzählige Versuche gab und gibt das weite Feld des Satanismus mit allen seinen "Spielarten" in einen definitorischen Zusammenhang zu stellen. Welche Kategorisierung gewählt wird, hängt entscheidend von der persönlichen oder beruflichen Betroffenheit und Herangehensweise der Autoren und Experten in dieser Frage ab. Berater und Therapeuten, die sich überwiegend mit Rituellem Mißbrauch im Satanismus beschäftigen, werden eine andere, für ihre Arbeit brauchbare Klassifizierung satanistischer Gruppen und Organisationen suchen als z.B. kirchliche Weltanschauungsbeauftragte, die sich neben der Seelsorge-Praxis auch mit der Phänomenologie unter Einbindung religionsgeschichtlicher und systematisch-theologischer Fragestellungen zu beschäftigen haben. Zweitens muß eine fast als Paradoxie anmutende Prämisse im Satanismus zur Kenntnis genommen werden, nämlich, daß im Glaubenssystem und in der Ritualpraxis nicht die Figur oder Person des Satan, Teufel, Luzifer im Vordergrund steht. Im Mittelpunkt des Interesses an Satanismus und als primäres Ziel der Ritualpraxis steht vielmehr die "Selbstvergottung" des Menschen. Der Mensch ist das Maß aller Dinge! Die Erkenntnis der eigenen Göttlichkeit soll mit Hilfe von Ritualsystemen, die das orgiastisch-libidinöse Ausleben des menschlichen Urtriebes - der Sexualität - zum Inhalt und Gegenstand (z.B. in der rituellen Sexualmagie) machen, vorangetrieben werden. Drittens bleibt festzuhalten, daß der "Satanismus" mit seinen Glaubens- und Weltdeutungssystemen, sowie seiner Ritualpraxis Menschen die Möglichkeit verschafft, mit ihren Mangelerfahrungen in einer gesellschaftlich nicht tragbaren und häufig kriminellen Art und Weise umzugehen. Das Gefühl über Rituale Power, Macht über Menschen und anderen Kreaturen zu bekommen, latent vorhandene Wut auszuleben, Naturgesetze zu seinem Vorteil verändern zu können stellt für manchen ichschwachen Menschen einen Grund dar, sich dem Satanismus zuzuwenden. Immer wieder begegnen mir in Gesprächen mit satanismusinvolvierten Personen ihre starken "Minderwertigkeitskomplexe" und der Glaube, diese durch Ritualpraxis in eine "Ichaufwertung" umzuwandeln. Ein Berufsschüler erzählte mir, daß er als Außenseiter in der Klasse, von den Mitschülern physisch und psychisch drangsaliert, ab dem Zeitpunkt in Ruhe gelassen wurde, als er vom äußeren Habitus sich als einen "magisch Praktizierenden" zu erkennen gab. Der junge Mann war nicht integrierter im Klassenverband, aber er bekam keine Schläge mehr und war dementsprechend von dem Funktionieren seiner Ritualpraxis felsenfest überzeugt. Der Trugschluß von der "Ichaufwertung durch Ritualpraxis" und die Erfahrung von ritueller Gewalt im Alltag satanistischer Praxis ist meines Erachtens mit dafür verantwortlich, daß bei einem Teil der Involvierten in einem nicht unerheblichen Maße psychopathologische Auffälligkeiten (angstneurotische und psychotische Zustände, MPS etc.) festzustellen sind. Dabei wird die Frage offenbleiben müssen, ob die Ritualpraxis Anlaß und Auslöser oder ob eine vorhandene Disposition der Involvierten für den psychopathologischen Befund auschlaggebend sind. Für den rituellen Satanismus der Moderne ist die Person des Okkultisten und Schwarz- bzw. Sexualmagier's Aleister Crowley (12.10.1875 - 1.12.1947) von entscheidender Bedeutung. Crowley, im strengen Sinn kein Satanist (s. Massimo Introvigne, "Auf den Spuren des Satanismus", EZW-Materialdienst, S. 166, Stuttgart 6/1992; Gleichzeitig kann man Crowley nicht im eigentlichen Sinn als Satanisten ansehen, weil die okkulten Kräfte, die er erwecken will, nicht mit dem Teufel der Bibel identifiziert werden, von dem er schlicht und einfach feststellt, er existiere nicht (Aleister Crowley, "Magic in Theory and Practice", S. 86,New York 1973)), hielt sich, obwohl schon sieben Monate nach dessen Tod geboren, für die Reinkarnation des berühmten Okkultisten Eliphas Levi (Eliphas Levi: "Für die Initiierten ist der Teufel keine Person, sondern eine schöpferische Kraft, zum Guten sowohl zum Bösen" ). Crowley wuchs in einer bigotten, puritanisch ausgerichteten Familie, die sich zu den Plymouth Brethren" hielten, auf. Das eigenwillig und vielleicht auch schwer erziehbare Kind Edward Alexander wurde von der überforderten Mutter regelmäßig mit dem Attribut "Beast" aus der Johannesapokalypse (dort mit der mystischen Zahl 666 versehen) bedacht. Diesen, von seiner Mutter initiierten "Titel", behielt er bis zu seinem Tode unter der Bezeichnung "To Mega Therion - The Beast 666" bei. Vermutlich birgt die sexual- und lebensfeindliche Erziehung den Grund für Crowleys sexualmagische Versuche und (Opfer-) Rituale, die in ihrer Perversion (Sodomie, sexueller Mißbrauch und nicht nachgewiesenen angeblichen Menschenopferungen (Aleister Crowley fordert im "Liber Al vel Legis" III, 12-13: "Opfert Tiere, kleine und große und danach ein Kind, aber nicht jetzt")), kaum zu überbieten waren und gegen jegliche gesellschaftlichen und christlich-religiösen Konventionen verstießen. Wahrscheinlich mußte er u.a. deshalb als persona non grata seine 1920 in Cefalu auf Sizilien gegründete "Abtei Thelema" 1923 wieder verlassen. Ein von Geldsorgen geplagter Crowley versuchte, hemmungslos schmarotzend auf Kosten seiner Anhänger zu leben und reiche Frauen ausfindig und abhängig zu machen, die seine Vorlieben finanziell unterstützten und deckten. Vermutlich beschäftigte er sich deshalb auch mit dem Autoren Abraham von Worms (gestorben 1458), der unter dem Namen Abra-Melin als Magier sein Unwesen trieb und angeblich durch eine "magische Operation" des dritten Buches in Besitz von drei Millionen Goldstücken gelangte (s. Harald Baers Aufsatz über "Satanismus" in "Unsere Seelsorge", Okt. 1986). Mit Crowley verliert der aus dem französischen Kulturraum stammende Satanismus des 17. (Abbé Guiborg, Catherine Deshayes, Madame de Montespan) bis hin zum literarischen Satanismus des 19. Jahrhunderts (Charles Baudelairs, 1821 - 1867, Arthur Rimbaud, 1854 - 1891) endgültig seine Bedeutung (s. die einseitig gefärbten Ausführungen von Joachim Schmidt "Satanismus-Mythos und Wirklichkeit", S.97, 131 Marburg 1992. Schmidt soll nach den beiden Grandt-Zwillingen und ihrem Buch "Schwarzbuch Satanismus", S. 18, Augsburg, 1995 der in der Satanismus-Szene bekannte "Nadir" sein. Außerdem soll er nach Kennern der Szene bekenndendes Mitglied des Ordo Saturni sein.) Im Gegenzug nimmt die Bedeutung und der Einfluß eines vom anglo-amerikanischen Kulturraum geprägten Satanismus zu. Crowley ist bis heute "Spiritus rector" und Ideenlieferant für eine Vielzahl von Gruppen und Organisationen und ihren Ritualen geblieben. 1904 erhielt er in Kairo visionär eine Offenbarung von einem "Geistwesen" namens "Aiwaz" (oder auch "Aiwass"), einem Sendboten "Set's", dem König der Verwüstung und Zerstörung und dem Mörder des Osiris. Die Offenbarung findet ihren Inhalt im "Liber Al vel Legis" ("Buch des Gesetzes") und soll den heranbrechenden neuen "Äon des Horus" proklamieren. Aus seinem Liber OZ sub Figura LXXVI (zitiert bei Horst Knaut, "Das Testament des Bösen", S. 171 f, Seewald 1979) entstammen die als thelemitisches Gesetz und als "Crowley-Charta" bekanntgewordenen und bis heute bei den meisten Gruppen (nicht nur den thelemitischen) als heimlich-ideologisches Leitmotiv akzeptierten Gedanken: "Das
Gesetz des Starken: das ist unser Gesetz und die Freude der Welt. Der
Mensch hat das Recht, nach seinem eigenen Gesetz zu leben: Der
Mensch hat das Recht zu essen Der
Mensch hat das Recht zu lieben wie er will; Der
Mensch hat das Recht all diejenigen zu töten, die ihm diese Rechte
zu Hier wird defacto eine Zwei-Klassen-Gesellschaft ausgerufen: die "Gods" und das Palindrom dazu die "dogs". "Die Dogs sollen machtlos dienen, die Gods regieren. Wer nicht erleuchtet ist, gilt als Sklave durch eigenen Willen. Doch sollen unsere Sklaven freie Männer sein. Sie sollen arbeiten, wo sie wollen, wann sie wollen und wie sie wollen. Der Unternehmer mag sie heuern und feuern wie er will. In dieser kontrollierten Anarchie gibt es keine Polizei (jeder sorgt mit Freundeshilfe für seine eigene Sicherheit), keinen Gesundheitsdienst und keinen Schulzwang. Kein Kind muß zu Schule ohne natürliche Neigung. Aufstiegschancen gibt es freilich genug. Wer die schweren magischen Prüfungen packt, kann sogar König werden, aus welcher Kaste auch immer er kommt. Aber die meisten sind ja zufrieden, wenn sie ein Stück Fleisch auf dem Tisch und ein Weib im Bett haben. Jeder tut eben, was er will: Laßt Schuster Schuster sein, Soldaten Soldaten, Physiker Physiker, Priester Priester! Keine Arbeitslosenunterstützung! Wer zu schwach zum Überleben ist, sei verdammt und tot! Amen." (aus: Josef Dvorak, "Satanismus - Schwarze Rituale, Teufelswahn und Exorzismus Geschichte und Gegenwart", S.123f, München 3. Aufl. 1994) Dieses thelemitische Gesetz zementierte ein Unterdrückungssystem, daß im Grunde genommen nur einen "God" zuließ und das war das "To Mega Therion-The Beast 666". Er bestimmte die "Richtlinien der Politik" und seinen Anordnungen, waren sie noch so unsinnig oder gefährlich, mußte unbedingt Folge geleistet werden! Dazu dienten Übungen und Trainings, die jeder durchlaufen mußte: von der Verpflichtung zur Führung des "magical record", ein Tagebuch, das Crowley zur Begutachtung vorgelegt werden mußte, bis dahin, das Zeitungslesen verboten war und Außenkontakte auf ein Minimum reduziert wurden. Die Neophyten (1. Initiationsgrad) durften nicht das Wort "Ich" gebrauchen. Bei Verletzung dieser Regel mußten sie sich mit einem Rasiermesser Schnitte in den Unterarm zufügen (s. Harald Baer, a.a.O., S. 18). Crowley übernahm 1921 die Leitung des O.T. O. (Ordo Templi Orientis) vom damaligen Agenten Theodor Reuß und verlagerte einen Teil der Aktivitäten in die USA nach Kalifornien. In der Folge wurden aus der kalifornischen Sektion 40 "aktive Abteilungen" gegründet, die zum Teil bis heute noch aktiv sind. 1947 starb Crowley zweiundsiebzigjährig als Alkoholiker und geistig umnachtet. In seinem Tagebuch gesteht er, daß er sich "hervorgetan" hat "durch Verderbtheit und getrunken nach den 333 Regeln des Suffs" (s. John Symonds, "Aleister Crowley-Das Tier 666", Basel 1983). Typologien haben neben ihrer guten, leider auch eine unangenehme Seite. Denn sie suggerieren, daß man den Satanismus systematisch klassifizieren kann und daß satanistische Organisationen, Gruppen, Logen etc. in Reinkultur vorhanden, dem jeweiligen Typos einfach zuzuordnen seien. In Wirklichkeit können wir es nur Ansatzweise wagen und mit dem Wissen um die Kritikwürdigkeit dieses Versuchs, den Satanismus der Neuzeit zu typologisieren. Der Italiener Marcello Truzzi unterteilt den Satanismus in zwei große Kategorien, den unabhängigen "Einzelgänger-Satanisten" und den "Gruppen-Satanisten" und davon werden weitere elf Arten (s. Massimo Introvigne, a.a.O., S. 167) abgeleitet. Brauchbarer für meine Arbeit halte ich die Typologie, quer zur soziologischen Unterscheidung von "Einzelgänger"-und "Gruppen-Satanismus", die sich nach Massimo Introvigne stärker auf symbolische und kulturelle Typen bezieht:
Der rituelle Satanismus wirkt kirchen- und ordensgründend. Von seinem Lehrgut ist er neugnostisch einzuordnen. Das Erscheinungsbild der Logen wird aus dem Freimauertum entlehnt sein, obwohl diese absolut nichts mit dem Satanismus zu tun haben. Der wichtigste Vertreter diesen Typs ist der oben schon erwähnte, von den beiden schweizer Theosophen Dr. Karl Kellner und Dr. Franz Hartmann 1895 gegründete sexualmagische "Ordo Templi Orientis" ("O.T.O.-Orientalischer Templer-Orden"). Crowley übte einen entscheidenden Einfluß nach seiner 1922 vollzogenen O.T.O.-Übernahme aus und ließ sich 1924 in Weida / Thüringen als Weltheiland ausrufen (s. A. und F.-W. Haack, "Jugendspiritismus und -satanismus", S.23 f, München 1989). Nach internen Querelen um die Nachfolge und das Erbe Crowleys scheint der O.T.O heute wieder auf Konsolidierungskurs zu liegen. Gleichwohl dürfte der Mitgliederbestand in Deutschland keine spektakulären Ausmaße angenommen haben. Die sexualmagische Geheimloge "Fraternitas Saturni (FS)" ist eine im Jahre 1926 auf den Berliner Okkult-Buchhändler Eugen Grosche, alias Gregor A. Gregorius (1888 -1969) zurückgehende Gründung. Im wesentlichen wurden die Lehren des O.T.O. mit dem thelemitischen Gesetz übernommen. Einer der Meister der FS ist der Großkanzler "Frater Honorius", der ehemalige Realschullehrer Dieter Heikaus. Der derzeitige Mitgliederbestand ist nicht erfahrbar. In der Nachfolge der FS, obwohl zu ihr keine Verbindung besteht, sieht sich die amerikanische "Ancient Brotherhood of Satan (ABS)" und deren Oberhaupt "demon Egan", ein amerikanischer Jazzmusiker, Filmemacher und Immobilienverkäufer. Die ABS ist Herausgeber einer weltweit vertrieben Zeitschrift "Brimstone". Der "Ordo Saturni (OS)" kann als selbständige Tochterloge der "Fraternitas Saturni" bezeichnet werden. Sie ist thelemitisch ausgerichtet und arbeitet magisch-rituell. Getragen wird der OS von einer "Esoterischen Studiengesellschaft e.V.", in Ankum bei Bersenbrück ansässig. Neben Crowleys und seinen Schriften gilt auch die Person des ehemaligen FS-Großmeister Greogor A. Gregorius als anerkannt. "Thelema-Orden des Argentum Astrum", heute "Thelema Netzwerk", gegründet durch den 1949 geborenen Michael Dietmar Eschner. Eschner fühlt sich als die Reinkarnation Aleister Crowleys. Nach Aussage des Frankfurter Führers des Illuminatenordens H. Englert wäre das die sechzehnte bekanntgewordene "Crowley-Reinkarnation". Eschner fühlt sich, als das "große Schwein 666", der thelemitische Tradition verpflichtet. Er kam aufgrund Mißbrauchsritualen (u.a. durch Folter, z.B. Daumennagelbissen) von (Ex)Mitgliedern und insbesondere wegen sozialhilferechtlicher Angelegenheiten mit der Berliner Justiz in Kontakt. Nach dem Prozeß verlegte er sein Domizil nach Bergen / Dumme in die Lüneburger Heide. Auch diesmal kam es wieder zum "Rituellen Mißbrauch" mit Körperverletzung (sexuelle Nötigung mit Anal-Koitus, zweifache Vergewaltigung, Folter mit brennenden Zigaretten im Brust- und Schambereich usw.) von ausstiegswilliger Frauen. Diesmal mußte Eschner eine sechsjährige Strafe in der JVA Uelzen bis zum heutigen Tag absitzen. Eschner ahmte Crowleys Treiben in Cefalu nach und praktizierte selbstverständlich auch dessen Perversitäten. Kot und Urin, unter Betäubung mit Wodka und als "Ausbildungsabend" oder "Ekeltraining" deklariert, mußten Einstiegswillige konsumieren, damit neben der "neuen Erfahrung" auch ihre psychische Umkonditionierung im Sinne der Organisation und ihres Leiters (Abt von Thelema) stattfinden konnte. Auch die schon bekannten Rasierklingenschnitte beim Ausprechen des Unwortes "Ich" und die Führung eines "magischen Tagebuches" durften nicht fehlen. Ganz zu schweigen, das Eschner die unumstrittene Leiterschaft nicht streitig gemacht werden konnte. Die heutige Mitglieder- und Sympathisantenszene dürfte sich ausgeweitet haben, zumal nach dem Fall der Mauer ein neues Betätigunsfeld in den östlichen Bundesländern gesucht wird. Der Verlag Kersken-Canbaz in Bergen vertreibt das thelemitische Gedankengut und die monatlich erscheinende Hauspostille "Abrahadabra" (AHA) klärt den geneigten Leser über Internas und Ritualsyssteme auf. Ein typischer Vertreter des rituellen Satanismus ist noch die im Stile einer Kirche aufgezogene "Ecclesia Gnostica Catholica", deren jeweiliger Leiter für ihr "bischöfliches Amt" eine "apostolische Sukzession" für sich in Anspruch nehmen. Sie ist eine Tochtergründung des O.T.O. und hat von Crowley das Ritual (canon missae) übernommen, in dem u.a. "To Mega Therion, Hermes, Pan, Priapus, Simon Magus, Bardesanes, Roderich Borgia, Papst Alexander VI, Ludovicus, Rex Bavariae, aber auch Crowley selbst" angerufen wird. Die Priesterin entkleidet sich und ruft: "Der nackte Glanz bin ich des wollüstigen Himmels der Nacht. Zu mir! Zu mir!" Und bei der Darbringung von Brot und Wein werden die Worte "Touto esti to sperma mou" ausgerufen (aus A. und F.-W. Haack, a.a.O., S. 21). Über die Mitgliederstärke dieser "Satanskirche" ist nichts bekannt und sollte daher eher vorsichtig und zurückhaltend eingeschätzt werden. Der rationalistische Satanismus sieht in Satan keine anthropomorphe Gestalt, sondern eine Chiffre, ein Symbol der Auflehnung gegen den allgemeinen und religiösen ethischen Konsens in der Gesellschaft. Alles, was in der Gesellschaft tabuisiert worden ist, wie Sexualität, Gewalt, Extase, ausschweifender orgiastischer Lebensstil wird wieder eingeführt und damit bewußt ein Bruch mit den gängigen moralischen Vorstellungen provoziert. Hier wird der Satanismus tendenziell zur atheistischen Religion (s. Massimo Introvigne, a.a.O., S. 169), in der das Leben, die Natur und die Vernunft religiös-ideologisch überhöht werden. Liturgien und Rituale des Christentums werden benutzt und ins Gegenteil verkehrt, damit soll die emotionale und reale Absage an christlich-jüdische Traditonen besiegelt werden. Als ein typischer Vertreter dieser Richtung kann Anton Szandor LaVey (bürgerlicher Name: Howard Levy) mit seiner am 30.4.1966 (Walpurgisnacht) gegründeten kalifornischen "Church of Satan" gelten. Der "Irdische Vertreter seiner Höllischen Majestät", so seine Eigenbezeichnung, verfaßte im gleichen Jahr die "Satanic Bible" mit den neun "Satanic Statements", die die typische Auffassung des rationalistischen Satanisten LaVey widerspiegeln:
(Anton Szandor LaVey, "The Satanic Bible", S. 25, 1966) 1972 unternahm der ehemalige niederländische Schauspieler Martin Lammers den Versuch, eine, mit einem Lehrauftrag versehene Grotte in Etersheim zu installieren. Dazu erwarb er eine der ältesten protestantischen Kirchen und funtionierte sie zu einem "Satans-Tempel" um. Ab 1976 hält sich Lammers in Amsterdam auf und baut im Rotlichtviertel eine Kapelle und betreibt einen Nachtclub mit Namen "Walpurgis-Abtei". Nach vorsichtigen Schätzungen muß man Lammers Gruppe in Holland mit 70 Personen veranschlagen, allerdings dürfte der Kreis der Sympathiesanten und Neugierigen den vierstelligen Bereich erklommen haben. 1975 fand das große Schisma statt, aus dem der "Temple of Set" als wichtigste Gruppierung hervorging. Ärger brachte der Vorwurf an die Adresse LaVey's, er würde "satanistische Priesterweihen" verkaufen. Die Mehrheit der Anhänger der "Church of Satan" in den USA, vermutlich über 500 Priester, wechselten in das Lager von Aquinos "Temple of Set" (s. Massimo Introvigne, a.a.O., S. 174f). Heute die dürfte die "Church of Satan" dank der Zunahme von "Unterabteilungen" weltweit durchaus wieder eine Rolle spielen. Zu ihr zählen sich u.a. "Order of the Evil Eye". Der okkultistisch-traditonelle Satanismus akzeptiert das Welt und Geschichtsverständnis der Bibel (s. Massimo Introvigne, a.a.O., S.168). Für ihn ist Gott eine nicht zu leugnende Tatsache. Satan, der Gegenspieler Gottes, ist der Herrscher dieser Welt. Seine Power wird sich durchsetzen und insofern ist das Christentum ein Auslaufmodell. Wir finden bei den Organisationen, Logen, Orden und Gruppen dieses Typos einen ausgeprägten Dualismus vor. Außerdem wird anhand von Indizes versucht, dieses Welt- und Glaubensbild zu stützen. Dazu dienen die vielen Kriege in der Welt mit ihren Greueltaten, menschliche Gemeinheiten und gesellschaftliche Brutalitäten als Beweise. Ein typischer Vertreter dieser Gattung ist der "Temple of Set" des Dr. Michael A. Aquino. Durch die Anrufung des "Fürsten der Finsternis" suchte Aquino eine höhere Legitimation für die Neugründung seiner Organisation. Auch hier, ähnlich wie bei Crowley, bekommt der Visionär Kontakt mit einer "dunklen Gottheit", die sich als "Set" aus der ägyptischen Mythologie identifizieren läßt und ihm durch Diktat das "Buch des Lebens", das spätere zentrale Werk des Temple, offenbart (s. Joachim Schmidt, a.a.O., S.173). 1975 wird der "Temple of Set" in den USA als gemeinnützige Kirche mit einhergehender Steuerbefreiung staatlicherseits anerkannt. Aquino, dem die wirklich erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit LaVeys ein Dorn im Auge war, besann sich wieder auf die esoterischen Traditionen: keine öffentlich zugänglichen Rituale, Probezeit von zwei Jahren vor der Initiation, kein Gewinnstreben in der Organisation, alle Ämter bleiben "Ehrenämter" und unterliegen keiner Honorierung. Die Gradeinteilung ist ähnlich der bei der "Church of Satan" und die Organisation wird vom "Rat der Neun" geleitet, deren Mitglieder wiederum auf neun Jahre gewählt sind. Aquino hatte interessanterweise in den 80er Jahren ähnliche Schwierigkeiten mit den Mitgliedern seines "Temple of Set", die ihm autokratische Tendenzen vorwarfen wie LaVey mit denen seiner "Church of Satan" (s. Massimo Introvigne, a.a.O. S. 195). Seine Lösung war elegant: Er zog sich als "Ipsissimus"-Initiierter auf das Altenteil eines emeritierten Großmeisters zurück und überließ das Feld seinem Nachfolger Steven Flowers, einem texanischen Englischprofessor. Aquino und der "Temple of Set" propagierten und praktizierten die "kleine und große schwarze Magie" In der kleinen schwarzen Magie geht es im wesentlichen um die Anwendung "von einfachen Tricks der Desinformation bis zu extrem subtilen und komplexen Manipulationen psychologischer Faktoren in der menschlichen Persönlichkeit (s. M.A. Aquino, "Black Magic in Theory and Practise", in The Crystal Tablet of Set", S. 5f; 10 ff), die Aquino als Offizier der US-Navy, dort zuständig für Spionageabwehr und Desinformation, sich während seiner Dienstzeit angeeignet hat. Die große schwarze Magie ist ein in weiten Teilen übernommenes Ritual des "Golden Dawn". Das Ziel dieses Prozesses wird mit der "magischen" Parole des "Zeitalter des Sets" Xeper (= Werde!) eingeleitet. Hier wird mit Hilfe des "Fürsten der Finsternis" (Satan) der Wille des Ritualzelebranten zu höchsten Formen und Stufen der Selbstverwirklichung "kultiviert". Andere Orden innerhalb des "Tempel of Set" sind:
Mit der Gruppe "The Black Omen (T.B.O.)" erhalten wir eine "vulgärsatanistische Provinzvariante" des okkultistisch-traditionellen Satanismus. Das Ritualsystem ist einfach strukturiert und wahrscheinlich den Persönlichkeitsstrukturen der Mitglieder angepaßt. Auffällig ist die starke Dominanz des Leiters und die kriminelle Energie, (Ex-)Mitglieder den Ausstieg aus der Gruppe unmöglich zu machen. Insofern ist das Tagebuch der R. ein wichtiger Beleg für die dunkle, menschenverachtende Seite im Satanismus. Hier wird das häßliche und wahre Antlitz des Satanismus nicht durch ein sich intellektuell gebärdenden und als "bekömmlich" angepriesenen rituellen Satanismus verschleiert. Tagebuch
der R.: Der Cult ,T.B.O. (The Black Omen) ist glaube ich einer der schlimmsten die ich kenne. Denn ich war mal ein Mitglied von ihm, und weiß von was ich spreche. Daß schlimmste was ich durchmachen mußte, war...das Lösen von dieser Gruppe. Die Jahre, die ich damit verbracht habe, den Teufel anzubeten, waren meist fürchterlich. Warum? Weil es mehr und mehr zu einer Sucht wurde, so wie die Zigaretten. Neue Mitglieder Um neue Mitglieder zu gewinnen, zieht T.B.O. immer und immer wieder die gewohnte Masche ab:
Wenn der Kult das geschafft hat, einen zu überreden, dann ist es meistens schon zu spät, denn dann will man sich immer mehr dafür interessieren. Denn nach der ersten Messe fragt man den Neuen, ob er nicht Mitglied werden möchte. Sagt derjenige aber nein, versuchen die Satansanhänger ihn oder sie immer und immer wieder zu überreden, bis man eben ja sagt. Das Weihen von neuen Jüngern Genauer gesagt, das Einschweißen von festen Mitgliedern. Wenn man ein paarmal an einer Messe teilgenommen hat, folgt die Taufe der Jünger. Die Taufe beginnt mit einem fürchterlichen Spektakel. Die Oberjünger ziehen dazu schwarze Mäntel (Kutten) an. Dann entzünden die mittleren Jünger ein großes Lagerfeuer. Sie geben dem neuen Jünger die Taufkutte, die er sich anziehen muß. Später versetzt der Messias den Jünger in Hypnose. Man setzt ihn ca. zwei Meter vom Lagerfeuer weg. Die Oberjünger setzen grausige Masken auf und fangen an, wie wild um den Jünger und dem Feuer zu tanzen. Dabei wirbeln sie immer wieder mit Lederpeitschen um sich, um den Neuen mehr und mehr in Trance zu versetzen. Dieses wilde, laute Getänzel dauert eine ganze Stunde. Anschließend wird eine Hahn auf dem Opferstein getötet. Das Blut wird in einem Taufpokal hineingegossen und dem Jünger, der immer noch in Hypnose ist zu trinken gegeben. Damit ist er eingeschweißter Satansanhänger". Als Erinnerung zur Taufe wird ihm ein Kerzenständer, ein Totenkopf und eine Schatulle mit einer Beschwörungstasse gegeben. Der Totenkopf wird auch "Tot mit zwei Gesichtern genannt", weil er auf der Rückseite ein Spiegelbild hat. Hypnose als Drohmittel Falls einer der "Jünger der Gemeinde" die Lust am Anbeten des Satans verliert, wird er in Hypnose durch ein Pendeltrack versetzt. Mit einer Spritze wird ihm (außerdem) ein Serum gegeben, das sonderbare Wirkung hat. Und die ist so: Nachdem man ihm das Serum gegeben hat, wird er aus der Hypnose geholt. Bevor man ihn gehen läßt, wird ihm noch mit (Worten) gedroht, wie z.B. "Denke daran, daß Satan über große Macht verfügt" oder "Bedenke wir sind Diener des Satans und er bestraft diejenigen, die versuchen, uns und ihm nicht zu gehorchen." Das Serum zeigt erst seine volle Wirkung, wenn man schläft. Man bekommt fürchterliche Alpträume, die man vorher nie hatte. Auch ich hatte leider die Erfahrung damit gehabt. Quelle: ra-info |
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