unter Kinderschändern Teil 1

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Sie lauern auf Spielplätzen, in Schwimmbädern und Sportanlagen: Männer auf der Suche nach Kindern. stern-Mitarbeiter Manfred Karremann tauchte über ein Jahr in die geheime Welt der Pädophilen ein. In einer zweiteiligen Serie beschreibt er, wie geschickt die Täter an ihre kleinen Opfer kommen und sich das Vertrauen von Müttern erschleichen

Er sprach das Mädchen auf der Straße an, am hellichten Tag. "Wat haste denn da für'n schmutziges Kleidchen an, da wird die Mama aber schimpfen!" Und lächelte beruhigend: "Komm, das waschen wir schnell aus bei mir." Das verunsicherte Kind, vielleicht fünf Jahre alt, hatte das Fahrrad an die Hauswand gelehnt und war mitgegangen. Ins hellbraun gekachelte Badezimmer einer Zweizimmerwohnung. Dort zog der Mann dem Mädchen, das vor Verlegenheit kein Wort herausbrachte, das Kleid aus. Bis ins Detail erzählt mir Kurt W.*, wie der Videofilm entstanden ist, den er mir gerade vorführt. Sein Badezimmer, das mit den hellbraunen Kacheln, habe ich inzwischen auch schon gesehen, weil dort die Toilette ist. Neben der Badewanne, in der er immer kleine Mädchen duscht.

Seit Stunden sitzen wir vor dem Monitor seines Computers. Er auf einem abgewetzten, grauen Bürostuhl, ich daneben, in einem roten Plüschsessel. Es ist düster in seinem "Arbeitszimmer". Neben dem Monitor leuchtet nur noch eine Tischlampe. Die Jalousien sind heruntergelassen. Damit kein neugieriger Nachbar ins Fenster schauen kann, während W. mir seine Kinderpornos vorführt, die er mir zum Kauf anbietet. Darunter viele Originale, die er selbst aufgenommen hat. Immer wieder gerät er ins Schwärmen, muss kichern, wenn er die Bilder sieht, die er und seine Kumpels aufgenommen haben. Besonders bei den Videos mit dem Badezimmer-Trick. "Hier", sagt er, "der hat ganz kleine Kinder von der Straße geholt und gesagt: Du hast dir in die Hose gepinkelt, dann wäscht er die und trocknet sie ab." Kurt W. weiß offenbar, wie die Filme entstanden sind, die er vertreibt. "Oder hier", sagt er schmunzelnd, "damit ihr Rock beim Waschen nicht nass wird, haben wir den hochgebunden, immer ein Stückchen höher."

Kurt W. schaut von seinem Monitor auf und zwinkert mir zu. Er ist davon überzeugt, dass ich einer wie er bin: ein Kinderschänder. Dieses Wort ist unter seinesgleichen natürlich tabu. Man bezeichnet sich als "Pädo". Eine Abkürzung von "pädophil", was wörtlich so viel bedeutet wie: kinderlieb.

Er weiß nicht, dass ich veröffentlichen will, was er da erzählt - über die Tricks, mit denen er und seine Kumpel an Kinder herankommen, und was sie dann mit ihnen machen, über die Herstellung und Verbreitung von Kinderpornos, die unter Eingeweihten "Kipos" heißen. Denn ich gelte inzwischen als "geprüft" in der Szene der Kinderschänder. "Geprüft" heißt: vertrauenswürdig, "einer von uns".

Seit Jahren habe ich in dieser Szene immer mal wieder recherchiert. In den 90ern hatte ich erste Kontakte zu zwei oder drei Pädophilen geknüpft, die ich mit der Zeit ausbaute. Habe mich diesen Männern "anvertraut", mich als Pädo ausgegeben, der auf Mädchen wie auf Jungen steht. Sagte ihnen, dass ich häufig beruflich unterwegs sei. Was mir immer mehr Kontakte einbrachte in vielen deutschen Städten.

Vor gut einem Jahr bin ich - für den stern und das ZDF - völlig eingetaucht in die Szene, fuhr mit meinem Wohnmobil quer durch die Republik, habe mich immer wieder mit einzelnen Pädos verabredet. Mit so genannten "Edelpädos", Träumern, die ihre Neigung nur in der Fantasie ausleben, mit Männern, die langjährige "Mini-Ehen" mit Kindern unterhalten; aber auch mit Triebtätern, die keine Rücksichten mehr nehmen auf Kinderseelen und Kinderkörper. Immerhin soll es 60 000 Pädos in Deutschland geben. Ich bin zu Gruppen-Treffs gegangen, habe "Freundschaften" geschlossen und durfte sogar fotografieren, ohne gleich Argwohn zu erregen.

Ich wollte nicht von außen berichten, sondern von innen. Wollte wissen, wie Pädophile und Kinderschänder denken, wie sie vorgehen, was sie anstellen mit ihren kleinen Opfern und wie sie untereinander kommunizieren. Wollte klären, weshalb Eltern so arglos ihren Nachwuchs erwachsenen Männern überlassen, die sich als Betreuer oder Nachhilfelehrer ausgeben. Nur wenn Eltern aufgeklärt sind über die Maschen und Methoden dieser Menschen, können sie ihre Kinder vor ihnen schützen. Denn die Gefahr, die von Pädophilen ausgeht, lauert oft dort, wo Eltern sie am wenigsten vermuten.

Auf dem Monitor sehe ich ein kleines Mädchen mit langen braunen Haaren, fünf oder sechs Jahre alt, schätze ich. Zunächst in einer harmlosen Szene: Das Kind malt ein Bild mit Wachsfarben, an dem runden weißen Blechtisch draußen auf dem Balkon. Es lacht in die Videokamera und winkt. Seine Mutter hat das Kind Kurt W. anvertraut, erst stundenweise am Nachmittag, dann immer öfter auch übers Wochenende. Denn Kurt W. ist Erzieher. "Die ist also in guten Händen, hat die Mama gemeint."

Kurt W. lacht meckernd, während er auf den Bildschirm schaut. Da macht er sich gerade über das Mädchen her. "Ach ja, meine Natalie", seufzt Kurt W., "da war sie noch klein, hatte Heimweh gehabt, dann habe ich die Mutter angerufen, habe gefragt, was ich machen soll, sie weint. Dann sagte die Mutter zu ihr: Du dumme Kuh, du wolltest da schlafen, jetzt bleibst du auch da."

Kurt W. ist mehrfach vorbestraft. 1980 verurteilt zu 27 Monaten Haft wegen fortgesetzten sexuellen Missbrauchs von Kindern, dann zu fünf Jahren wegen Kindesmissbrauchs und Verbreitung pornografischer Schriften, zuletzt zu siebeneinhalb und noch einmal zu zwei Jahren. Inzwischen ist er wieder frei. "Staatliche Unterbrechungen" nennt man das in der Pädo-Szene. Aus seiner ersten "staatlichen Unterbrechung" war er mit der Auflage entlassen worden, "den Kontakt mit unter Vierzehnjährigen zu meiden".

Daran hat er sich natürlich nicht gehalten. Er hat weiter Kinder missbraucht, Kinder, die er in seiner Wohnung als Erzieher und Nachhilfelehrer betreute. Während ihn ahnungslose Eltern dafür auch noch bezahlten, nahm er auf, was er mit seinen "Schützlingen" anstellte, und verkaufte die Videos für viel Geld.

Filme, auf denen minutenlang Geschlechtsteile von kleinen Mädchen zu sehen sind, herangezoomt mit einer Videokamera. Kunden, denen das nicht reicht, hat Kurt W. auch anderes zu bieten: Japanische Sado-Videos etwa, in denen fünf-, sechsjährige Mädchen vergewaltigt werden. "Die hast du mit Originalton dabei." Derlei "Material" aber hat Kurt W. noch nie aufgenommen - zu groß wäre die Gefahr, dass ein Kind zu Hause redet. Als "erfahrener Fachmann" weiß er, wie man Kinderpornos dreht und dabei sicherstellt, dass die Kleinen daheim schweigen.

"Spielerisch" müsse man das angehen, sagt er. Den Kindern das Gefühl geben, dass sie selbst schuld daran seien oder zumindest mitschuldig, weil sie das freiwillig mitgemacht hätten. Dann halten sie den Mund. Aus Scham. Mit den beiden Mädchen aus der Nachbarschaft, etwa fünf und acht Jahre alt, die bei Kurt W. mehrmals die Woche für einige Stunden am Nachmittag "betreut" wurden, hat das prima geklappt: erst die Hausaufgaben, dann ein bisschen malen, ein paar Computerspiele - und schließlich Pornos schauen. Im Schlafzimmer. In der Pädo-Szene ein alter, aber umso bewährterer Trick: Kurt W. schlägt den Kindern vor, das doch einfach mal nachzuspielen. Die Kleinen finden das erst mal komisch, kichern verlegen. Und machen dann mit.

Wie "spielerisch" er das angeht, zeigt er mir in einem Film. Da weist er die beiden Mädchen an, sich auf sein schwarzes Doppelbett zu legen. "Jetzt loslegen, Purzelbäume schlagen", kommandiert er. Doch dabei bleibt es nicht: "Jetzt mal die Schlüpfer ausziehen, eh die da zerreißen." Die Mädchen gehorchen, versuchen, für den "Onkel Schmusekurt" Szenen aus dem Porno nachzuspielen, den der ihnen zuvor gezeigt hat. Bis es einem der Mädchen zu viel wird: "Jetzt mag ich nicht mehr", sagt es und dreht sich zur Seite. Hier hat Kurt W. die Aufnahmen sofort abgebrochen. Aus Erfahrung weiß er, dass es riskant wird, wenn er in diesem Stadium die Kinder zu sehr drängen würde. "Das sagt ihr aber nicht der Mama, oder?", fragt er. "Nein", sagt eines der Mädchen, "wir würden sicher Haue kriegen, wenn die erfährt, was wir gemacht haben."

Szenen mit drei- und vierjährigen Kindern flimmern über den Monitor. W. lacht, zeigt auf den Bildschirm: "Mein Kumpel, der hat die, die ich auf dem Bild im Arm hatte, die kleine Dreieinhalbjährige, mit dem Stock entjungfert." Weil dessen Penis zu groß war. "Nach zwei, drei Tagen, als es nicht mehr geblutet hat" - er zeigt auf den Monitor - "da hat er sie gefickt." Ob das denn die Mutter nicht gemerkt hat, frage ich. Nein, sagt er. Kurt W. ist amüsiert: "Die konnte noch nicht sprechen, das war ein Paradies." Warum das Kind mit dreieinhalb noch nicht sprechen konnte, weiß er nicht - ist ihm auch egal. Kurt W. hat als Erzieher oft an Kinderfreizeiten teilgenommen. Einmal habe ihn eine Kollegin zur Seite genommen. "Die hat gesagt: Sie geben den Kindern zu viel Liebe, ziehen Sie sich ein bisschen zurück." W. las Gutenachtgeschichten vor: "Dann lagen die Mädchen bei mir im Zelt, und der Pfarrer meinte: Ach, der Herr W. ist wieder umworben von den ganzen Damen." Kurt W. kriegt sich kaum mehr ein vor Lachen über den arglosen Priester.

Das Geschäft mit der Kinderpornografie boomt vor allem in den Tauschbörsen des Internet. Nach Erkenntnissen von "Innocence in Danger", einer internationalen Organisation gegen Kindesmissbrauch, waren 2001 etwa 70000 Internetseiten mit pädophil-kriminellen Inhalten im Netz, 2002 waren es bereits 182000. Rund 4500 Chat-Rooms, in denen mit kinderpornografischen Fotos und Filmen gehandelt wird, seien bekannt. Laut Interpol wurden damit bislang weltweit 17 Milliarden Euro umgesetzt.

Zum bislang größten Schlag gegen die Verbreitung von Kinderpornografie holte die deutsche Polizei erst vor ein paar Wochen aus. Ende September durchsuchten insgesamt 1500 Beamte in allen 16 Bundesländern 502 Privatwohnungen und Geschäftsräume. Beschlagnahmt wurden 745 Computer, 35 500 CDs, 8300 Disketten und 5800 Videos. 530 Bundesbürger stehen seitdem im Verdacht, kinderpornografische Schriften und Bilder aus dem Internet besessen und in zahlreichen Fällen selbst verbreitet zu haben. Das jüngste Opfer war vier Monate alt.

Pädophile gibt es in allen Gesellschaftsschichten. In der deutschen Pädo-Szene habe ich Sozialhilfeempfänger und Mathematiker kennen gelernt, Lehrer und Ärzte, Erzieher und Sporttrainer. Nicht zufällig ist sicher der hohe Anteil an Berufen, die mit Kindern zu tun haben. Die Vorlieben der Pädophilen - Frauen sind überaus selten in der Szene - reichen vom Mädchen, das fünf oder sechs ist (in Ausnahmefällen Neunjährige), bis hin zu Jungs, die sechs, neun oder auch mal zwölf, dreizehn Jahre alt sind. In der Regel allerdings endet eine pädo-sexuelle Beziehung, wenn der oder die Kleine "hormonell verseucht" (Szene-Jargon) ist. Das heißt: wenn erste Anzeichen der Pubertät, etwa eine Behaarung, sichtbar werden. Wer so gestrickt ist, gilt bei Fachleuten als "kernpädophil", in der Szene als normal. Denn nur die Schwulen machen in der Regel Kompromisse nach oben hin - "Girllover" oder Kernpädophile nie.

Pädophile haben keinerlei Interesse an erwachsenen Frauen oder Männern. Konrad bringt es auf den Punkt: "Da können im Schwimmbad noch so tolle Mädchen oder Frauen vorbei laufen, die würdigst du mit keinem Blick, aber sobald da so ein Knabe auftaucht ?" Konrad ist "Boylover" und beschreibt seinen "Typ" so: "Ein schlanker, toller Junge, eine tolle Beule in der Hose, ganz aufregend. Die Figur, die ich bevorzuge: lange, schöne Schenkel, schlank, nicht dünn, und einen süßen Knackarsch."

Es gilt als normal in Pädo-Kreisen, dass "Girllover", also Männer, die sexuell ausnahmslos an Mädchen interessiert sind, sich in der Regel jüngere Kinder aussuchen als die so genannten BLs, die "Boylover". Die werben Jungs oft erst mit sieben oder acht Jahren an - und behalten sie mitunter auch bis zum elften oder zwölften Lebensjahr, mithin bis zur Pubertät.

Pädokriminellen, die Kleinstkinder bevorzugen, "ist das Geschlecht zunächst egal - diese Täter scheinen an einem bestimmten Alter interessiert zu sein, nicht an einem bestimmten Geschlecht", sagt Richard Karl Mörbel, Leitender Kriminaldirektor im Bundeskriminalamt.

Erst kürzlich konnte ein 19-jähriger Mann verhaftet werden, der aus Osteuropa stammt und in der Kinderbetreuung des Studentenwerkes an einer süddeutschen Uni arbeitete. "Die Kollegen vom FBI hatten uns auf kinderpornografisches Material aufmerksam gemacht, das sich in Deutschland befinden müsse", berichtet Mörbel, "unsere Nachforschungen haben ergeben, dass dieses Material über einen Rechner an einer süddeutschen Uni eingespielt wurde." Jetzt sitzt der Kinderbetreuer in U-Haft und wird wegen Verbreitung kinderpornografischen Materials in 32 Fällen angeklagt. Der Mann arbeitete zuvor in einem Waisenhaus und wollte demnächst nach Holland in ein Kinderheim. "Er hat eingeräumt", sagt Mörbel, "sexuelle Gefühle empfunden zu haben beim Anfassen und Wickeln von Babys." Die Zahl solcher Täter steigt. "Man könnte das etwas sarkastisch als einen Trend zum Wickeltisch bezeichnen."

"Babylover" trifft man selten in der Pädo-Szene, sie halten sich meist bedeckt. Ausnahmen bestätigen die Regel: Axel B. hat lange Zeit die Berliner "Selbsthilfegruppe" besucht, sagt, er könne sich stundenlang "Videos mit ein- bis fünfjährigen kleinen Würmern anschauen". Bekennende "Babylover" werden zwar misstrauisch beäugt, aber akzeptiert in den örtlichen Gruppen. Ein Berliner sagt: "Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen - also jedem das Seine."

Monatlicher Treff der Gruppe München in Schwabing. Ein Vorstellungsritual wie bei den Anonymen Alkoholikern. "Boylover" Norbert sagt: "Ich bin der Norbert, ich streichle gern Buben am nackten Oberkörper, so zwischen acht und 18." Gelächter im Raum. Norbert ist neu hier. Neu ist offenbar auch "Girllover" Roland, ein stiller, grauhaariger Mittvierziger: "Ich bin der Roland und stehe auf Mädchen, nach unten keine Grenzen." Insider wissen damit, dass für Roland auch sehr kleine Mädchen in Betracht kommen. Die meisten der 15 Männer hier sind kurz angebunden. "Uli, Mädchen." Oder: "Berthold, Jungs." Das sind die, die nicht zum ersten Mal hier sind.

Einige davon haben bereits "staatliche Unterbrechungen" hinter sich. Keiner will diese Erfahrung noch einmal machen. Walter ist 60 und sagt: "Das ist die Hölle." Wer als Kinderschänder im Knast sitzt, wagt sich kaum aus seiner Zelle. Kinderschänder sind für die anderen Knackis "Abschaum", der jederzeit mit brutaler Gewalt rechnen muss.

Weil polizeiliche Zugriffe gefürchtet sind, spricht man auf dem Treff stets in der dritten Person, wenn von sexuellen Erlebnissen oder "Anekdoten" berichtet wird. "Es könnte ja immer mal sein, dass da ein Spitzel ist", sagt Thorsten, um die 30, der auf Jungs steht. Nur nach dem Treffen redet man offen miteinander, beim Italiener nebenan. Oder bei den geheimen Treffen, zu denen nur "geprüfte" Pädos zugelassen werden. Die Kriterien für eine Zulassung sind zuvor schon diskutiert worden: "Das entscheiden drei Leute mit Menschenkenntnis, und die bestätigen der Gruppe: Ja, der ist sauber." Man will sich in Ruhe austauschen in den so genannten Selbsthilfegruppen. Über das, was das Leben eines Pädophilen nun mal bestimmt: Einsamkeit und Depression, Umgang mit Polizei und Justiz, Erfahrungen und Probleme, die die Beziehung zu Kindern betreffen.

Um "Selbsthilfe" im Sinne der Anonymen Alkoholiker geht es in den Städtegruppen nicht, weil hier Pädophilie nicht als Krankheit gilt. Es geht darum, "dass wir zusammenrücken, uns gegenseitig stärken, denn Leute mit unserer Veranlagung sind nur dann stark, wenn wir viele Leute kennen, die genau gleich denken". In den Gruppen tauscht man Tipps aus, wie man möglichst unbehelligt von Polizei und Justiz leben kann.

Jürgen Lemke, Psychotherapeut in der Berliner Einrichtung "Kind im Zentrum", hat sich intensiv mit den gruppendynamischen Prozessen beschäftigt. Er betreut Täter, die ihm die Justizvollzugsanstalten zur Therapie schicken: "Die Leute verständigen und bestätigen sich in diesen so genannten Selbsthilfegruppen. Das ist, als würden Sie Füchse, die im Gänsestall jagen, irgendwo zusammenbringen, damit sie ihre Erfahrungen austauschen, wie sie die Gänse am besten jagen und greifen."

Bundesweit organisiert sind die meisten Pädo-Selbsthilfegruppen, die es in fast jeder größeren deutschen Stadt gibt, unter dem Dach der "Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS)" mit Sitz im hessischen Gießen. Die "AG Pädo" in der AHS will mehr Verständnis für die Pädophilen in der Gesellschaft wecken und kämpft gleichzeitig für die Straffreiheit sexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern - wenn die damit "einverstanden" sind. Gefordert wird nicht das Recht, Kinder zu missbrauchen, sondern das Recht der Kinder auf sexuelle Selbstbestimmung.

Die "AG Pädo" in der AHS trifft sich zweimal im Jahr, in der Regel in Jugendherbergen. Zum Beispiel, im April dieses Jahres, in der Jugendherberge Mainz. Dort habe ich auch Lukas kennen gelernt. Der wohnt, wie die anderen Teilnehmer auch, übers Wochenende in der Jugendherberge. Ich begleite ihn auf einem Spaziergang über den Spielplatz neben der Herberge, im Volkspark Mainz. Lukas ist Österreicher, Mitte 30. Oberhalb des halblangen und viel zu weiten blauen Parkas wuchert ein schwarzer Bart über Kinn und Hals. Lukas scheint ständig zu grinsen, wenn er kleine Mädchen beobachtet oder ihnen quer über den Spielplatz nachläuft. Er ist ein "Girllover". Vor den Schaukeln versucht er, kleinen Mädchen zwischen die Beine zu schauen. Er fixiert ein etwa sieben oder acht Jahre altes Kind. Wieder grinst er. "Die sieht aus wie meine Perserin, die hab ich kennen gelernt, als sie acht war." Und bedauert: "Jetzt ist sie aber schon elf." Zu alt.

Wir stehen vor dem bunten Bummelzug, der eine Runde durch den Volkspark gezuckelt ist und jetzt angehalten hat. Lukas glotzt ein kleines schwarzhaariges Mädchen fasziniert an. Ihren türkischen Eltern scheint das nicht aufzufallen. Ein Glück, dass sie nicht wissen, was Lukas laut vor sich hinträumt: "So ein drei- oder vierjähriges Mäderl mal nicht nur auf den Mund zu küssen, sondern mal ein bisschen zu stimulieren, die Klitoris berühren, in so einen kleinen Schlitz hinein ? Wenn's dich dann so anschaut, von oben - so süß, so schön."

Er hat sich, wie schon zweimal zuvor an diesem Nachmittag, in Erregung geredet. "Bei mir wächst da schon wieder was, jetzt spannt mir wieder die Hose, ich muss das erst mal abarbeiten", sagt er, grinst dabei wieder und läuft schnurstracks zur Toilette im Cafe am Volkspark.

In der Jugendherberge tagt die "AG Pädo" in zwei Gruppen. Berät, wie man in einer spießigen Gesellschaft seine Ansprüche durchsetzen kann. Denn, so heißt es in der Szene-Zeitschrift "Der Knüpfer" frei nach Rosa von Praunheim: "Nicht der Pädo ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt." "Wir Pädos", meint ein Tagungsteilnehmer ernsthaft, "werden inzwischen verfolgt wie damals die Hexen oder die Juden."

Abends dann ein gemütliches Beisammensein in der Bar der Jugendherberge. Die Gespräche werden privater. Thomas, ein schüchterner Mann um die 40, kommt aus Berlin. Er stellt in geselliger Runde die Frage, ob der achteinhalbjährige Junge, den er daheim betreut, wohl tatsächlich den Sex mit ihm will oder ihm vielleicht nur einen Gefallen damit tut. "Aber", so sein Fazit, "ist ja auch letzten Endes egal." Die Runde lacht mal kurz und laut auf. Dass Thomas das Alter des Jungen mit "achteinhalb" angibt, ist kein Zufall: Unter Pädos ist ein Kind nicht einfach fünf, acht oder elf. Hier zählt jedes halbe Jahr. Ich verabrede mich mit Thomas in Berlin.

Redaktionelle Betreuung: Werner Mathes

[Teil 1 der Reportage]
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